Zu lieben ist schwer, eine Liebe loszulassen noch viel schwerer. Das merke ich gerade, da mein bisher immer angenommener Freund eine andere Freundin hat – wer weiß, wie lange schon. Ich habe gedacht, ich hätte schon alles Schlimme durch, aber das ist offensichtlich doch nicht wahr. Denn so viel geweint habe ich seit dem Tod meines Vaters nicht mehr. Danke, Wele, für eine schöne Zeit – und ich verfluche dich nebenbei für das, was Du mir grad antust…
23. Mai 2009
Obiges denke ich ja immer wieder, wenn Kollege Mitmensch mir massiv auf den Wecker fällt. Komprimiert wird dieser Gedanke in so Nachtdiensten wie heute…
Halb schlafend und ein wenig neben der Spur sitze ich in der Rezi. Das Telefon klingelt. Scheiße! Ich gehe ran und sage mein Sprüchlein auf, in der leisen Hoffnung, dass am anderen Ende nichts allzu kompliziertes auf mich lauert… Jemand blafft mir einen spanischen Namen entgegen. Aha. Und wat nu? Was will die Künstlerin mir damit sagen? Will sie die genannte Dame sprechen? Oder hat sie sich mir namentlich vorgestellt? Ich frage höflich auf englisch zurück, was ich denn für sie tun kann. “No comprende.” Ah ja. So weit reicht mein Spanisch grad noch.
Um das dreieinhalbminütige Gespräch zusammenzufassen: Sie wiederholte den Namen noch einige Dutzend mal – was mir aber nicht weiterhalf, denn unter diesem Namen fand ich niemanden in unserem Haus. Was ich ihr allerdings nicht verständlich machen konnte, da sie weder der deutschen noch der französischen und schon gleich gar nicht der englischen Sprache mächtig war. Ist ja nicht schlimm, wenn man keine Fremdsprachen kann. Muss ja nicht sein. Aber, und dies ist ein großes Aber, dann ruft man auch bitte nicht in nem Hotel im Ausland an und schwallt die arme Angestellte mit spanischen Wasserfällen zu, die immer aggressiver werden und legt anschließend grußlos auf!
Wenn eine Schicht schon so anfängt, dann ist das kein gutes Omen.
Und richtig, es häufen sich die Kleinstprobleme – an sich nicht schlimm, hier ein kaputtes Kabel, dort eine auszutauschende Glühlampe, mal ein fehlendes Handtuch, dann wieder ein Getränkewunsch. Kein Thema, mach ich doch gern, dafür bin ich doch hier, lächel, nick, renn… Und natürlich alles auf einmal und jeder Gast muss exakt *sofort* sein Problem gelöst und seinen Wunsch erfüllt bekommen. Ja nee, is klar, ich kann mich nur leider nicht zerteilen! Während ich unter einem Schreibtisch liege, um ein Kabel am Rechner auszutauschen, kllingelt es mehrfach in meiner Hosentasche. Jemand möchte seinen Schlüssel, jemand anderes einen Weckruf und anschließend will noch jemand anderes seinen Schlüssel bei mir abgeben. Treppauf, treppab – im Minutentakt.
Irgendwann schmeiß ich dieses Dreckstelefon an die Wand!!
Und noch sieben Stunden vor mir…
7. Mai 2009
Ich liebe es, in der Pampa zu wohnen! Wo sonst wird man nach einem zauberhaften Abend in der Großstadt mit schallendem Gesang empfangen? Die an meinem Provinzbahnhof hausende Nachtigall tut es nachts um 1 Uhr mit schönster Regelmäßigkeit und Lautstärke… Mache ich mich dann auf den vom fast vollen Mond beschienenen Heimweg, streife ich immer wieder selbst in der nächtlichen Kälte zart duftende Fliedergebüsche, sehe gelegentlich nachtaktive kleine Räuber über die Straße huschen und erfreue mich der Sterne, die in der großen Stadt nur spärlich zu sehen sind.
Als in der “Griesen Gegend” geborene Mecklenburgerin liegt mir karge Landschaft im Blut, ich genieße die Stille, die sanfte Schönheit der südlichen Mark. Auch wenn es den meisten Menschen verschlossen bleibt – in der Eintönigkeit, den Alleen, der schier endlosen Weite liegt unendlich viel Kraft und Lebenswille. Stundenlang kann ich den Tieren zusehen, den Vögeln lauschen und deren kunstvollen Flug bewundern. Es liegt eine gewisse Magie über diesem Land, nahezu täglich tun sich kleine Wunder auf, die ich aufgeregt und atemlos wie ein Kleinkind bestaunen darf.
Lang hat es gedauert, bis ich mich mit dem Umzug meiner Eltern versöhnt habe, ich hasste mein Dasein – bis ich aufhörte, die hier lebenden Menschen mit der Gegend gleichzusetzen. Immer und immer wieder befragte ich meine Eltern, warum sie mich aus Mecklenburg in die Mark verschleppten, als ich noch kein Jahr alt war. Doch mittlerweile sehe ich viel Gutes in diesem quasi-Exil, denn der brandenburgische Nutzwald birgt zwar keine spektakuläre Artenvielfalt, doch ist es erstaunlich, wie viel Getier sich mir in den ungewöhnlichsten Situationen offenbart, wie wundersam das Erwachen der Natur im Frühling erscheint, wie sich das Leben auch in den reglementierten Kiefernschonungen seinen Weg sucht.
Von Zeit zu Zeit, so auch heute Nacht, erfüllt mich eine tiefe Dankbarkeit für den Zauber, den die hiesige Natur immer wieder reich über mich ausschüttet.
2. Mai 2009
… an den ersten schönen Wochenenden oder wenn gar ein Feiertag am Horizont erscheint, strampeln wie Schüttgut Großstädter durch die Mark.
Das allein wäre ja noch zu verschmerzen, Platz genug hat es ja im Brandenburgischen. Wenn, ja wenn diese Öko-Arschgeigen, alternativen Kleinfamilien, Kegelvereine und der ganze andere Abschaum nur mal begreifen würde, dass man nicht, niemals und unter keinen Umständen zu zwanzigst in ein Fahrradabteil im Regionalzug passt!
Auch heute, am 1. Mai – der in “Tag des Ausfluges ins Umland” umbenannt werden sollte, denn des Kampfes der Arbeiterklasse gedenken heut wenns hochkommt gerade noch die Gerwerkschaften, aber das nur am Rande.
Die Schreiberin dieser Zeilen befindet sich, wie es sich am Tag der Arbeit gehört, auf dem Weg zur selbigen. Einfahrt des Zuges im Provinzbahnhof: Alles voll mit Fahrrädern und deren sonnenverbrannten Besitzern. Ach du scheiße, Feiertag! Seufzend quetscht man sich irgendwo dazwischen und harrt der Dinge, die da unausweichlich kommen werden… Und richtig! Nach fünf Minuten ist der nächste kleine Bahnhof erreicht, an dem eine weitere Truppe Zweiradidioten wartet. Alle stehen dicht zusammen auf dem schmalen Bahnsteig, denn sie wollen ja auch alle in ein Abteil.
Prüfender Blick meinerseits: Keine Chance, Leute. Selbst wenn das Drahteselabteil gänzlich frei wäre, böte es nicht genug Raum für euren an Schrottwert recht ansehnlichen Haufen Alu, Edelstahl und Gummi.
Versucht wird es natürlich trotzdem, es könnte sich ja ein spontanes Explodieren des Raum-Zeit-Kontinuums ergeben und dann passt es nachher doch… Da sieht man dann ganz deutlich, dass diese Gestalten ihren gesunden Menschenverstand – so sie denn welchen haben – vorsorglich zu Hause ließen, damit man sich den schönen Trip nicht durch blödes Mitdenken versaut. Kurzum, ein gutes halbes Dutzend Räder wird im Abteil so kunstvoll und unentwirrbar verkeilt, dass niemand mehr daran vorbeikommt – wozu auch, die Tür geht ja sowieso nicht mehr auf. Die restichen Gurken verstreut man dann wild in den Gängen, um ein möglichst hohes Verletztungsrisiko zu kreieren, denn was wäre das Leben ohne Abenteuer!
Nachdem die ersten unschuldigen Mitreisenden durch unzureichend abgesicherte, entfesselt in der Gegend herumfuchtelnde Lenker ihr Augenlicht eingebüßt haben, oder gleich unter einem Haufen lustig die Treppe herunterpolternder Stahlrösser begraben wurden, rennt sich die Fahrkartenabknipstante auch noch mit Schwung die Nase blutig an der fachmännisch verkeilten Tür. Anstatt jetzt mal gepflegt Amok zu laufen, verzieht sie sich wimmernd in ihr Kabuff und die Öko-Terroristen haben wieder einmal gewonnen…
Warum ist der Mensch, speziell der in großen Steinansammlungen “alternativ” siedelnde, so? Zwischen Müsli, Meditation und multimedialem Mumpitz, wo bleibt da der Mitmensch? Ein bißchen Rücksichtnahme und Mitdenken, damit wäre uns doch allen geholfen…
Oder das ganze blöde Pack geht einfach kacken, DAS wäre auch eine Alternative – aber bitte nicht die Bikes vergessen!
7. Februar 2009
… war mit Sicherheit nicht alles, aber zumindest einiges besser. Wenn man früher Wartezeit zu überbrücken hatte, tat man das in aller Stille – lesend oder schlichtweg blödig vor sich hinglotzend. Heute hingegen wird man bei solchen Gelegenheiten unaushaltbar laut.
Eine ganz normale Szene abends in der Regionalbahn: Ich versuche, mich auf mein Buch zu konzentrieren. Zwei Abteile weiter allerdings langweilen sich Jugendliche rund um eine Brüllbox. Der kleine Kasten macht einen Lärm, dass einem die Ohren bluten wollen ob dieser ungewollten Penetrierung durch Doofmanns-Lala. Gerade, als mein Unmut sich richtig schön hochgeschaukelt hat und ich sämtliche Hersteller solcher Geräte und zusätzlich noch “die Jugend” per Arschtritt in die Hölle befördern möchte – da trifft es mich plötzlich von hinten in den Rücken: das zwangsweise mitgehörte, da viel zu laut geführte, Privatgespräch am Handy. Aaaargh!
Mal ein paar kalt in den Raum gestellte Fragen… Will ich wissen, warum Babsi mit ihrem Freund im Bett unzufrieden ist? – Eher nein. Interessiert es mich, mit wem Ulla und Jochen heute Abend noch um die Häuser ziehen? – Nicht im Geringsten. Hat die neue Furunkelsalbe von Heinzi irgendeine Bedeutung für mich? – Garantiert nicht. Und darüber hinaus tangiert es mich noch nicht einmal periphär, wie der Tag irgendeines Blödmannsgehilfen da draußen war, den ich nicht kenne und auch nicht kennenlernen will!
Sind denn jetzt alle verrückt? Ständig wird man akustisch zugemüllt, Musik quillt aus allen Ritzen, bis hin zu den oft überlaut dröhnenden Kopfhörern von MP3-Quäkern stumpfsinnig vor sich hinfaulender Mitbürger. Man wünscht den Im-Öffi-ins-Handy-Schreiern die Pest an den Arsch – oder wenigstens an die Stimmbänder – und die eigene Laune fällt unter den Nullpunkt und bleibt verendend dort liegen. Ich will das alles nicht hören, es geht mich nix an, ist banal und uninteressant bis zum Erbrechen und wenn ich mich fremdschämen will, dann schalt ich RTL ein, nicht die Faselfunke anderer Leute.
Kurz: Ein lebenslanges Ohropax-Abo wird irgendwann die Folge der mich umgebenden Lärmbelästigung sein. Und dann ist endlich Ruhe.
29. Januar 2009
…sieht man ja solche Massen an zurechtgebastelter weiblicher Anatomie wie im nächtlichen TV-Angebot. Dagegen ist jede Promi-Party mit aufgetakelten Möchtegersternchen ein Beruhigungsspaziergang in Bad Oeynhausen.
Warum aber das viele Silikon im Nachtprogramm? Was bringt Frauen dazu, sich für ein Heidengeld unters Messer zu legen und anschließend die DIN-genormten Plaste-Euter in eine Kamera zu halten? Das ist nicht erotisch, das ist nicht ästhetisch, das ist einfach nur nervtötend und ermüdend. Auf jedem Privatkanal kann man sich nach 1 Uhr dutzendweise verschandelte Frauen ansehen, die verlangen, dass man sie anruft, ihnen simst oder sich irgendwas runterholtlädt. Gibt es dafür wirklich dankbare Abnehmer? Erwacht von sowas bei irgendeinem lebenden Wesen tatsächlich der Geschlechtstrieb? Und wenn ja: Warum?? Die Damen sehen alle gleich aus (gibt halt nicht viel Auswahl beim Tittenschnitzer), sind so zugespachtelt, dass man sie auf der Straße nicht erkennen würde und fummeln irgendwie pseudo-geil an sich rum. Also ich muss mir bei einem solchen Anblick eher das Fremdschämen verkneifen als dass sich da untenrum irgendwas täte… Sollte mir jemand verraten können, ob es den per solcher Werbung zu erreichen wollenden Markt unbefriedigter armer Würstchen, denen scheinbar nix zu blöd ist, um ne Ladung Sperma loszuwerden, allen Ernstes gibt – ich bitte um reichlich Zuschriften.
11. Januar 2009
… frage ich mich, was wohl aus ihr geworden ist. Wo mag sie jetzt sein? Ich habe sie lange nicht gesehen. Geht es ihr gut?
Früher traf ich sie gelegentlich auf dem Bahnhof, immer in der Dämmerung, eine Nachtschwärmerin wie ich selbst. Doch nie kam sie auf mich zu, nie ging sie auf mein vorsichtiges Werben um sie ein. Blieb höchstens kurz stehen, um mich mit ihren sanften, dunklen Augen intensiv zu mustern. “Wer ist diese Andere?”, mag sie gedacht haben, “Warum sieht sie mich so an?”. Wenn sie ihren Weg dann fortsetzte, konnte ich nicht umhin, ihr bewundernd nachzuschauen, ihre natürliche Eleganz faszinierte mich. Jeder Schritt war sicher und bestimmt, erhobenen Hauptes ging sie – weg von mir, der nur die Erinnerung an diese seltenen Momente der Schönheit blieb.
Werde ich sie je wiedersehen, meine kleine graubraune Feldmaus vom Bahnhof Charlottenburg?
6. Januar 2009
… ist kalt und nass – und eine Zeitmaschine. Neulich sah ich, wie ein Trupp eigentlich recht ernsthafter amerikanischer College-Studenten sich schlagartig in eine Horde kreischende Sechsjährige verwandelte. Schneeballschlacht mitten in der Nacht. Mitten in Berlin. Grins.
6. Januar 2009
…neues Glück, wie es so schön heißt. Alle, die mir bereits hier die Treue gehalten haben, begrüße ich recht herzlich auf meiner frisch lackierten Spielwiese. Möge sie uns so viel Spaß bringen wie die letzte!
2. Januar 2009
… kalt ist mir, die ich draußen stehe, um eine Zigarette zu genießen. Was man ja überdacht in Deutschland nicht mehr darf, jedenfalls nicht an Orten, wo sich so eine Art öffentliches Leben abspielen könnte. Versteh ich auch, ich beschwer mich gar nicht – vor allem heute nicht, im Gegenteil.
Es hat zu schneien begonnen und ich schaue verträumt den Flocken auf meinen Griffeln beim Schmelzen zu. Für solch kleine Wunder bin ich ja bekanntermaßen immer wieder dankbar, und richtig, auch diesmal verfehlen sie ihre Wirkung nicht. Ich lächle, als ich unter der Markise hervortrete und im Nu von dem weißem Zeug bedeckt bin, das einfach so von Himmel fällt. Wie wunderbar! Die Welt wird zugedeckt, das ganze grau-in-graue berliner Elend hält einen Moment den Atem an und taucht ab in ein feucht-kaltes Kleid aus Frostwassersternchen. Alles glitzert, wirkt wie frisch gestrichen, was für ein absurd verquerer Anblick! Aber vielleicht will die Natur sich nur selbst zum neuen Jahr eine kleine Freude machen, denke ich so für mich, vielleicht will sie einfach mal für ein paar Stunden die Jämmerlickeit auf diesem Flecken Erde nicht mehr sehen und zeitgleich der Menschheit eins auswischen – denn gleich beginnt der Berufsverkehr… “Splitter, klirr, kaputt!” (Zitat FSR)